Nachhaltigkeitsstrategie

ESG, SRI, Impact Investing: alle Begriffe erklärt (mit Schema)

ESG, SRI, Impact Investing

Investoren, die sich für nachhaltige Geldanlagen interessieren, stehen vor einem Problem. ESG, SRI, Impact Investing, negatives Screening, Best-in-Class, ESG Integration. Es gibt unzählige Begriffe, die teils synonym verwendet werden, mal so und mal so gemeint sind und nie übersichtlich erklärt werden.

ESG, SRI und Impact Investing beschreiben neben anderen Konzepten wie Active Ownership einzelne Aspekte nachhaltigen Investierens. Die Definitionen überschneiden sich gerade bei ESG und SRI so stark, dass es keine allgemeingültige Abgrenzung gibt.

In diesem Post möchte ich mich der Herausforderung stellen, all diese Begriffe strukturiert und leicht verständlich zu erklären und grafisch darzustellen. Da sie teils unterschiedlich verwendet werden und oftmals kombiniert zum Einsatz kommen, ist das natürlich sehr schwierig. Aber ich bin mir sicher, du wirst den ein oder anderen Aha-Moment haben.

Was genau bedeuten ESG, SRI und Impact Investing?

ESG und SRI sind übergeordnete Begriffe, die ganz allgemein als nachhaltiges Investieren verstanden werden können. Sie bedeuten, dass Investments bzw. Unternehmen selektieren werden, je nachdem ob sie ökologisch und sozial verträglich agieren oder nicht. Auf Grundlage dieser Auswahl könnten nachhaltige Produkte wie Fonds oder ETFs zusammengestellt werden.

Ich beziehe mich hier übrigens auf Unternehmen und Aktien und nicht auf Staatsanleihen.

Definitionsversuche

Auch wenn ESG und SRI meistens synonym verwendet werden, wie zum Beispiel vom ETF-Papst Gerd Kommer, gibt es immer wieder Versuche, sie zu differenzieren. Ich hab Stunden damit verbracht, eine eindeutige Definition zu finden, kam aber zu dem Schluss: Vergiss es!

Im Gabler-Lexikon steht zum Beispiel, dass sich SRI im Gegensatz zu ESG vor allem auf die Negativkriterien fokussiert. Investopedia sagt, dass bei SRI zusätzlich nach bestimmten ethischen Richtlinien selektiert wird. Andreas Braun schreibt in seinem Buch Nachhaltig investieren simplified, SRI-Anlagen können sowohl sehr streng ausgewählte Produkte umfassen als auch welche, die lediglich einige wenige Ausschlusskriterien beinhalten. Na toll.

Ein riesen Wirrwarr ohne jeden Mehrwert. Meiner Meinung nach ist es am Ende völlig egal, ob ein Investment in der Kategorie ESG oder SRI steckt. Wichtig sind die Auswahlmethoden (siehe Grafik)! Mein Rat ist, konzentriere dich vor allem darauf. Der einzige für mich gesicherte Unterschied zwischen ESG und SRI ist, dass ESG-Investments immer auf der Bewertung der Firmen nach ESG-Kriterien basieren, bei SRI muss das nicht sein. Irgendwie auch logisch.

Nachhaltig investieren, ESG, SRI, Impact Investing

Um auf den Unterschied zwischen ESG, SRI und Impact Investing zurückzukommen, letzteres gehört zu den Auswahlmethoden und kann daher nur bedingt in einem Atemzug mit ESG und SRI genannt werden. Während die anderen Auswahlmethode wie z. B. positives Screening definitiv unter ESG und SRI fallen, hat Impact Investing aber eine gewisse Sonderstellung. Impact Investing bedeutet, dass Kapital in besonders unterstützenswerte Unternehmen oder Projekte fließt. Das muss nicht zwangsläufig etwas mit ESG- oder SRI-Auswahlprozessen zu tun haben. Deshalb kann man es prinzipiell schon als eine dritte Variante sehen.

Klingt verwirrend? Halte durch!

Schauen wir uns die wichtigen Begriffe einen nach dem anderen an. Dann wird dir vieles klarer werden. Vor allem, warum ich ESG-Investing und SRI analog verwende.

Erklärung der Begriffe

Was passiert mit einem Portfolio, wenn wir verschiedene Auswahlmethoden anwenden? Falls du dich wunderst, dass einige Methoden auf das Gleiche rauskommen, hast du völlig recht. Wie so oft haben es die Fachleute geschafft, das Thema dank toll klingender Fachbegriffe unnötig zu verkomplizieren.

Außerdem sollte man im Hinterkopf haben, dass bei den meisten Investmentprodukten nicht nur eine Auswahlmethode sondern eine Kombination angewendet wird. Das kann man dann als Nachhaltigkeitsstrategie bezeichnen.

ESG-Rating

ESG-Rating

Hier ist erst mal noch nicht viel passiert. Das ESG-Rating ist auch kein Auswahlprozess sondern eine Bewertung von Unternehmen nach bestimmten Nachhaltigkeitskriterien. Diese Wertung bildet meistens die Grundlage für die Auswahlmethoden. Es gibt folgende Wertungen:

  • AAA, AA: Leader (führend)
  • A, BBB, BB: Average (durchschnittlich)
  • B, CCC: Laggard (Nachzügler)

In der Regel werden die Firmen nach ihrem Rating sortiert, was dann ein sog. ESG-Ranking ergibt. Im Grund aber ein und das selbe.

Negatives Screening

Negatives Screening

Negatives Screening bedeutet, dass Firmen basierend auf bestimmten Kriterien ausgeschlossen werden (hier sind noch keine ESG-Ratings gemeint!). Das kann zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer ethisch fragwürdigen Branche wie Tabak oder Öl sein. In anderen Fällen sind es kontroverse Geschäftsmodelle oder Praktiken wie Atomenergie, Waffenhandel oder gentechnisch veränderte Lebensmittel.

Eine Erweiterung des Konzepts ist das normbasierte Screening, bei dem Kontroversen von Unternehmen mit einbezogen werden, z. B. der Dieselskandal von VW oder die Wasserwirtschaft von Nestlé. Einige schreiben normbasiertes Screening vor allem SRI-Produkten zu, aber das stimmt absolut nicht. Viele ESG-ETFs wie z. B. der MSCI World ESG Leaders berücksichtigen sehr wohl, ob Firmen in Kontroversen verstrickt sind oder sie sich an die UN Global Compact und OECD-Richtlinien halten.

Schwellenwerte (Cut-off-Rate)

Cut-off-Rate

Schwellenwerte kann man als Unterkategorie des negativen Screenings sehen, genauso wie normbasiertes Screening. Hier werden einfach nur bestimmte Kennzahlen wie z. B. die Höhe von CO2-Emissionen für eine Auswahl herangezogen. Unternehmen, die den Grenzwert reißen, schaffen es nicht ins Portfolio.

Absurd finde ich, dass einige den Ausschluss von Waffenhändlern in die Kategorie Cut-off-Rate stecken, da Unternehmen nur dann ausgeschlossen werden, wenn sie z. B. mehr als 5% Umsatz mit Waffen machen. Das ist Erbsenzählerei. Für mich ist das einfach negatives Screening von Waffenhändlern.

Positives Screening

Positives Screening

Beim positiven Screening werden die Firmen nach ihrem ESG-Ranking ausgewählt. Es wird einfach ein bestimmter Prozentsatz der besten Firmen in die Auswahl aufgenommen (z. B. 25% oder 50%). Die Überschneidung zum negativen Screening ist natürlich groß. Viele Firmen, die zu kontroversen Branchen gehören oder sich kontrovers verhalten, haben dadurch auch ein schlechtes ESG-Rating.

Es gibt aber durchaus auch Firmen mit gutem Rating, die gegen bestimmte Prinzipien verstoßen, die in einem Investmentprodukt nicht akzeptiert werden. So könnte z. B. ein Pharmakonzern trotz AA-Rating rausfliegen, weil er Tierversuche macht.

Ich habe mir hier gemerkt, dass positives Screening die Gesamtheit der Kriterien berücksichtigt, während negatives Screening eher auf bestimmte Einzelaspekte schaut.

Best-in-Class-Ansatz

Best-in-Class

Viele realisieren erst auf den zweiten Blick, dass viele Fonds beim positiven Screening meisten nach einem Best-in-Class-Prinzip vorgehen. Es werden nicht alle Firmen in eine große Liste gepackt, sondern jede Branche wird für sich betrachtet.

Das hat den Vorteil, dass die Gewichtung der Sektoren durch den Auswahlprozess nicht groß verändert wird. Das ist gut für ein ausbalanciertes diversifiziertes Portfolio. Der Nachteil ist allerdings, dass es theoretisch Firmen mit niedrigem ESG-Rating in die Auswahl schaffen. Der beste aller Waffenproduzenten ist immer noch ein Waffenproduzent.

In der Realität kommen aber in der Regel zusätzliche Negativkriterien zum tragen, die dafür sorgen, dass fiese Schlusslichter ausgeschlossen werden. Das ändert aber nichts daran, dass Best-in-Class-Prinzipien immer wieder Anlass zu Kritik sind, wenn zum Beispiel ein Ölkonzern in einen Nachhaltigkeitsfond auftaucht.

Warum das aber nicht automatisch schlecht sein muss, habe ich ausführlich in diesem Beitrag beschrieben.

Best-of-Class-Ansatz

Das Best-of-Class-Prinzip ist für mich keine eigene Kategorie. Es hängt irgendwo zwischen Themenfonds, sowie Negativem und Positivem Screening. Best-of-Class heißt, dass für die positive Auswahl der Firmen nur ausgewählte Branchen infrage kommen, die eh schon sehr nachhaltig sind.

In der Regel weil man Angst hat, dass sonst durch den Best-in-Class-Ansatz streitbare Firmen in die Auswahl kommen (siehe Ölkonzern-Beispiel weiter oben). Inwiefern sich das Ergebnis formal von einem negativen plus positiven Screening-Ansatz unterscheidet, sei mal dahingestellt.

Themenfonds

Themenfond

Eine leicht verständliche Methode. Hier werden Unternehmen zusammengestellt, die zu bestimmten nachhaltigen Themen wie Erneuerbare Energien, Elektromobilität oder Forstwirtschaft passen. Das erlaubt ein gezieltes Investment in Bereiche, die man für attraktiv oder unterstützenswert hält. Gleichzeitig sinkt allerdings auch massiv die Diversifikation im Gegensatz zu breit gestreuten Investmentanlagen.

Impact Investing

Impact Investing

Hier geht man einen Schritt weiter als bei den Themenfonds. Impact Investing konzentriert sich auf bestimmte Unternehmen, die durch gezielte Investitionen gefördert werden sollen. Das kann ein internationales Solarunternehmen oder die Windkraftanlage um die Ecke sein. So ein Investment ist nicht zwangsläufig mit dem Kauf von Aktien verbunden.

Die Abgrenzung zu Themenfonds ist fließend. Wichtiger Unterschied ist, dass Themenfonds einigermaßen passiv gemanagt werden können, während Impact Investing definitiv eine aktive Strategie ist. Ein Fondmanager (oder du selbst) muss entscheiden, welche Vorhaben unterstützenswert sind und welche nicht.

Abweichende Gewichtung

Viele der oben genannten Methoden kommen sowohl in aktiv gemanagten Fond als auch in ETFs bzw. Indizes zum Einsatz. Dort erfolgt die Gewichtung der Firmen in der Regel nach Marktkapitalisierung. Alternativ kann das ESG-Rating aber auch dazu genutzt werden, die Firmen entsprechend ihrer Nachhaltigkeit über- oder unterzugewichten. Beispiele hierfür sind die MSCI ESG Enhanced Focus oder MSCI Select SRI Indizes. Firmen mit top ESG-Ratings werden dort bis zu fünffach oder mehr über- oder untergewichtet.

Ob einem das Prinzip aus Nachhaltigkeitssicht zusagt muss jeder selbst entscheiden. Vielfach ist es so, dass Unternehmen, die in anderen Fonds ausgeschlossen wären, hier „nur untergewichtet“ sind. Vorteil ist natürlich die höhere Diversifikation, da weniger Firmen aus dem Portfolio verschwinden.

Trend Leaders

Eine weitere Abwandlung des Auswahlprozesses ist das Prinzip der Trend Leaders. Hier werden nicht nur ESG-Ratings sondern auch der Aufwärts- bzw. Abwärtstrend beim Rating berücksichtigt (meist Vergleich zu den Vorjahren). Ich muss aber ehrlich sagen, wenn man sich anschaut, wie genau das umgesetzt wird (z. B. im Indexfaden eines MSCI ESG Trend Leaders), wird man schnell feststellen, dass das am Ende kaum einen Unterschied macht.

ESG-Integration

ESG Integration

Eine weitere Methode, die ein aktives Management voraussetzt, ist die ESG-Integration-Methode. Hier werden die Unternehmen klassisch nach ihren Kennzahlen bewertet und das Ganze wird um die Dimension Nachhaltigkeit erweitert. Probleme im Bereich Umwelt, Soziales oder Unternehmensführung werden als Risiken angesehen und entsprechend eingepreist.

Auf Grundlage dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise erfolgt dann eine Gewichtung der Firmen. Ganz schlimme Unternehmen fliegen natürlich trotzdem raus. Aber insgesamt wird ein Fond natürlich weniger nachhaltig sein als die „normalen“ Nachhaltigkeitsfonds. Hier geht es in erster Linie um die Rendite.

Shareholder Aktivismus

Das Konzept Shareholder Aktivismus oder auch Active Ownership ist keine Auswahlmethode. Es bedeutet, dass Investoren aktiv Einfluss auf ein Unternehmen ausüben. Das kann zum einen durch Stimmrechte und Mitsprache auf Hauptversammlungen sein oder es entsteht ein aktiver Dialog zwischen Investoren und Unternehmen, in dem versucht wird, die Unternehmensführung zur Berücksichtigung von ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien zu bewegen. Letzteres wird auch als Engagement bezeichnet.

ESG, SRI und Impact Investing bei ETFs

Die ETF-Welt ist einfach! Das ist die gute Nachricht. Viele der oben genannten Konzepte wie z. B. ESG Integration oder Impact Investing gibt es bei ETFs nicht oder sie spielen eine untergeordnete Rolle. Das liegt ganz einfach daran, dass Methoden wie Impact Investing ein aktives Management erfordern und nicht passiv umgesetzt werden können (Themen-ETFs kommen dem Impact Investing allerdings recht nahe).

Bei ETF wird meistens das gleiche Schema durchlaufen: Im ersten Schritt fliegen unerwünschte Unternehmen mit kontroversen Geschäftsmodellen und Praktiken raus (Negatives Screening) und in einem zweiten Schritt wird ein bestimmter Prozentsatz der Unternehmen mit dem besten ESG-Rating aufgenommen (Positives Screening). Manchmal wird noch ein Schwellenwert berücksichtig, aber das war es dann auch. Um das möglichst auf einen Blick klarzumachen, habe ich eine tolle Grafik gebastelt. Du findest sie in diesem Post.

Der Witz an der Sache ist, dass der Auswahlprozess bei ESG- und SRI-ETFs genau gleich verläuft. Deshalb ist es vor allem für einen ETF-Investor unsinnig, diese beiden Begriffe genau definieren zu wollen. Natürlich unterscheiden sich ESG- und SRI-ETFs und es ist auch wichtig zu wissen, wodurch. Aber mit den Unterscheidungskriterien, die man überall liest, hat das wenig zu tun. In diesem Artikel erkläre ich im Detail, worauf es wirklich ankommt.

Fazit

Viel heiße Luft um nichts. Als ich mich das erste Mal für nachhaltiges Investieren interessierte, bin ich an den ganzen Methoden, Begriffen und Konzepten fast verzweifelt. Es gab kaum eine Stelle, wo alles übersichtlich erklärt war. Das war auch einer der Gründe, warum ich diesen Blog gestartet habe.

Am Ende ist vieles einfacher als es scheint. Man wird nur immer wieder verwirrt, weil Begriffe nicht eindeutig definiert sind und sie unterschiedlich verwendet werden. Deshalb ist es so wichtig zu wissen, worauf es eigentlich ankommt: die Auswahlmethoden. Ob da das Label ESG, SRI (oder Impact Investing) draufsteht, ist eigentlich egal.

Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen mehr Durchblick in diesem Wirrwarr verschaffen. Lies aber bitte auch andere Quellen. Schließlich sollte man sich nie auf nur eine Meinung verlassen. Empfehlenswert sind zum Beispiel dieses White Paper von Vanguard oder diese Zusammenstellung vom Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG). Dort sind die Begriffe noch einmal anders dargestellt und mit interessanten Statistiken ergänzt.

Nachhaltige Grüße

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Christian Kontakt

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